Kultur der Aborigines – Die Ureinwohner Australiens

Als die Europäer im 18. Jahrhundert Australien besiedelten, waren die rund 750.000 Aborigines keineswegs eine homogene Rasse. Sie besaßen etwa 250 Sprachen, ihre Lebensart variierte von Gebiet zu Gebiet. Stämme wie die Tiwi an der Nordküste pflegten sehr intensive Kontakte zu Indonesien, so dass sich die Kultur wesentlich von derjenigen der isolierten Pitjantjatjaras in der Wüste Zentralaustraliens oder der Kooris im Südosten unterschied. Dennoch gibt es gemeinsame Züge im Leben der Ureinwohner, die sie über die Jahrhunderte bis heute in ihrern Traditionen bewahrt haben.

Traditionelle Lebensweise der Aborigines
Tausende von Jahren waren die Aborigines Jäger und Nomaden. Sie benutzten leichtes Werkzeug wie den Bumerang und bauten Hütten aus Lehm. Die Notwendigkeit weiterzuziehen ergab sich aus den Gegebenheiten der Region. So waren Menschen in Gegenden mit genügend Nahrung und Wasser sesshafter als jene, in deren Gegend es daran mangelte. Da die Ureinwohner meist in Gruppen lebten, splitterten sich die Völker bald im Klans mit unterschiedlichen Sprachen und Bräuchen auf. Leute mit gleicher Sprache schlossen sich in Kernfamilien zusammen, meist Mann, Frau, Kinder und vielleicht einige Freunde, um gemeinsam das tägliche Leben meistern zu können. Von Zeit zu Zeit trafen sich die Gruppen zu religiösen Zeremonien, Hochzeiten und zur Beilegung von Streitigkeiten. Der Handel spielte eine herausragende Rolle. Holz, Ockerfarben und Muscheln waren nur einige der Güter, die an den Handelsstraßen im ganzen Land getauscht wurden. Als englische Siedler weite Teile des Landes für sich beanspruchten, fand das Nomadenleben weitgehend ein Ende. Andere Bereiche ihrer traditionellen Lebensweise konnten sich die Aborigines jedoch bewahren. So genießen die Alten großen Respekt. Sie sind verantwortlich für den Fortbestand der Gesetze und die Bestrafung derer, die sie brechen oder die Geheimnisse alter Rituale preisgeben. Diese sind Teil des Glaubens, den die Aborigines “Traumzeit” nennen.

Traumzeit
Gesetze und Glaube der Aborigines sind von der Traumzeit geprägt. Sie basiert auf der Mythologie ihrer Schöpfungsgeschichte. Riesige Schlangen, uhrväterliche Schöpferwesen, sollen sich aus dem Erdinneren erhoben und auf Traumzeit-Wanderungen Täler, Flüsse und Berge erschaffen haben. Andere Ahnen ließen Sonne und Regen entstehen, den Menschen und die freie Natur. Orte, von denen man annahm, dass Vorfahren hier aus der Erde gekommen seien, sind heilig und Stätten für Zeremonien und Rituale. Der Glaube an die Traumzeit ist im wesentlichen eine religiöse Vorstellung und stellt die Lebensbasis der Aborigines dar. Sie glauben an eine sterbliche und eine unsterbliche Seele, die sich beide mit ihrer totemistischen Vorfahren verbunden fühlen. Jeder Familienklan führt seine Ursprungs auf die gleichen Ahnen zurück. Diese beschützen die Menschen, schicken aber Unheil, wenn sie verstimmt sind. So müssen einige Klanmitglieder über die heiligen Stätten wachen. Bei der Verletzung dieser Pflicht kommt es zu schweren Bestrafungen. Jeder Traumzeit-Geschichte bezieht sich auf eine Landschaft. Wenn zwei Landschaften aneinandergrenzen, bilden diese Geschichten Markierungslinien. Über diese können die Stämme Kontakt miteinander aufnehmen, da solche Linien den gesamten australischen Kontinent überziehen.

Tanz und Musik der Aborigines
Die Gesänge der Aborigines, die Geschichten über die Traumzeit-Ahnen erzählen, sind Bestandteil der Geisterverehrung. Oft sind die Worte unverständlich, da viele dieser Ahnengeschichten ein Geheimnis bergen. Als Begleitinstrument dient das Didgeridoo, ein etwa ein Meter langes, tief klingendes Blasinstrument. Auch der Tanz dient als Mittel zur Kontaktaufnahme mit den Ahnen. Heute erfährt der Tanz der Aborigines eine Renaissance, wobei sich traditionelle Elemente mit modernen mischen.

Neue Probleme
Obwohl heute nur wenige Ureinwohner als Nomaden leben, pflegen sie die Zeremonien, Schöpfungsgeschichten Kunst weiterhin als wichtige Bestandteile ihrer Kultur. Das Recht auf eigenes Land war lange eine ihrer wichtigsten Forderungen. Sie fühlen sich verantwortlich für das Land, das ihnen bei seiner Entstehung anvertraut wurde. Der Land Rights Act von 1976 trug zur Verbesserung der Lage bei. Es wurden Aboriginal Land Councils eingesetzt, die als Vermittler zwischen Regierung und Ureinwohnern fungierten. Wo Aboriginal-Rechte festgeschrieben sind, kann Land nicht verändert werden. In Gebieten mit einem großen Anteil an Aborigines gilt laut Regierung das moderne Gesetz neben dem Gesetz der Aborigines. So kann ein Gericht bei einem Aboriginal-Verbrecher Stammesrecht anwenden. Oft ist es grausam, erlaubt aber den Aborigines, nach ihrem eigenen Rechtssystem zu leben. Das Interesse an der Kunst der Aborigines hängt mit der neuerdings positiveren Einstellung der Australier zur Kultur der Urbevölkerung zusammen. Künstler wie Emily Kame Kngwarreye verbinden traditionelle Smart real wie Baumrinde und Ockerfarben mit Acrylfarben und Leinwand und öffnen damit die Traumzeit-Geschichten einer zeitgenössischen Interpretation.
Viele Aborigines leben heute in Städten, bleiben aber isolierte Fremde und suchen oft unter ihresgleichen Anschluss. Innerhalb des Landes der Aborigines gehen viele noch ihren medizinischen Praktiken nach und vollziehen traditionelle Rituale. Alle Bemühungen zum Trotz sind die Aborigines in Australien nach wie vor benachteiligt, vor allem im Hinblick auf Wohnung, Gesundheit und Erziehung. Aber das wachsende Interesse an ihrer Kultur und Tradition führt allmählich einer harmonischeren Koexistenz.